5. Fliehkraft gegen Schwerkraft

Wie es sich so als junge Studentin gehört, ziehe ich innerhalb von vier Jahren mehr als dreimal um. Ich fange neu an, in einer neuen Stadt, einem neuen Studium, neuen Freunden und all das mehrmals. Im Laufe der Mittzwanziger festigen sich dann erste Vorstellungen von Partnerschaft, Familie und Beruf. Was zuvor recht offen und flexibel schien, wird zu Grundpfeilern der Zukunft, die es nun aufzubauen gilt. Auch wenn diese noch konservativ scheinen, werden sie doch immer wichtiger und schenken Perspektive. Drei Mal in der Woche Bier in der Kneipe zu trinken oder Kette zu rauchen ist schon länger nicht mehr interessant. Was jetzt zählt sind: Eigentumsbildung, Krankenkassenwahl und das Errechnen der Eintragserwerbssteuer. Denn jetzt geht das Erwachsensein so richtig los. Nicht nur weil der Unterhalt der Eltern bald nicht mehr auf das Konto fließt, sondern auch weil man bald droht den Welpenschutz zu verlieren. Man darf dann nicht mehr allzu große Fehler machen und muss vor allem eine Menge Verantwortung übernehmen.

Dabei kommt es nicht nur darauf an, wie man seinen Haushalt führt und was man der Tante auf der nächsten Familienfeier von den neusten beruflichen Entwicklungen erzählt, sondern wo man sich in der gesellschaftlichen Situation in zwanzig Jahren fantasiert. Es wird bestimmt so sein, dass wir auf Grund des Klimawandels unsere Wohnungen mit mediterranen Pflanzen begrünen werden und die Sommer trotzdem nicht aushalten können. Es könnte sein, dass unser Land entweder so demokratisch wie noch nie oder so faschistisch wie das letzte Mal vor etwas mehr als hundert Jahren wird. Es ist beides gleich wahrscheinlich und sicher war die Zukunft schon immer ungewiss – doch jetzt bekommt man viel mehr mit. Jeden Tag sieht man Nachrichten aus der ganzen Welt, alles dreht sich immer schneller und man hat manchmal das Gefühl, aus dem Karussell zu fliegen. Fliehkraft gegen Schwerkraft.

Wie soll man sich auf diese unbekannte Zukunft vorbereiten? Wieviel geht es darum, etwas Positives beizutragen und wie sehr darf ich mein eigenes, egoistisches Glück verfolgen? Viele meiner Freund:innen und Bekannten scheinen sich in einer ähnlichen, subtilen Lähmung zu befinden, wie ich: tagtäglich etwas für eine eigene bessere Zukunft zu tun und dennoch nie so ganz zu wissen, ob es das richtige Weg ist. Wenn ich mir Lifecoaches, Pseudo-Philosophen und Mindset-Gurus anschaue, habe ich den Eindruck, je mehr man nach außen zeigt, man hätte etwas verstanden, desto weniger hat man das wirklich. Denn was ich bisher bei mir beobachte, ist ziemlich sokratisch – ich weiß, dass ich nicht besonders viel weiß. Aber ein bisschen was ist es dann doch.

Es hat mehrere Jahre des Studierens, Probierens, Abbrechen und Neuanfangens gebraucht, um halbwegs einen Pfad für mich zu finden. Dabei hätten es noch ungefähr zehn andere sein können. Aber eben auch nicht hundert und das ist vielleicht das Tröstliche: Zwischen all den Reizen und Möglichkeiten gibt es dennoch Begrenzungen. Weder ich, meine Mitmenschen, noch das Gesellschaftssystem sind grenzenlos. Ich kann nicht alles sein und ich kann nicht alles werden. Ich kann nicht mal immer aus dem, was ich habe, das Beste machen. Ich kann nicht immer den Menschen die Liebe zeigen, die ich ihnen gerne geben würde und ich kann auch nicht immer Hoffnung haben. Aber es ist schöner, es zu versuchen.

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4. Was ist Glück wirklich?